






(1) Ich bin Studentin der FH Bielefeld. Ich war erschrocken, als ich ein Bericht las, in welchem ersichtlich war, mit welchen Kosten der Steuterzahler durch einen Student belastet wird.
(2)Ist es da nicht gerechtfertigt, Langzeitstudenten eine Studiengebühr aufzuerlegen?? Sicher, geht der Hochschulabsolvent später arbeiten, und hat ca. 40 - 50 % seines Gehalts abzuführen, so ist dieser aufwand sicherlich innerhalb ein paar Jahren zu- rückgezahlt.
(3)Dennoch finde ich es äußerst anmaßend von euch, sich so über diese Studiengebühren aufzuregen!!!!! Es ist doch wohl gerecht, wenn SCHEISS-FAULENZER zur Kasse gebeten werden!!! Ich sehe es doch in den Vorlesungen: sie beschäfigen sich mit anderem, kommen selten und schieben allgemein eine sehr ruhige Kugel!!
(4)Und dafür bekommen sie auch noch BAföG?????
So kann kein Sozialstaat funktionieren!!!! Denkt mal ein bisschen nach!!!!
Arbeiten wir also mal die ganzen Behauptungen auf:
Studis kosten doch so viel! (1)
Natürlich kostet ein Studium eine Menge Geld. Allerdings sollte man es sich nicht so einfach machen, einfach die Kosten einer Hochschule durch die Anzahl der Studierenden zu teilen. Selbst eine Aufspaltung der Kosten der einzelnen Fachbereiche auf die jeweiligen Studierenden ist ziemlich verfehlt. Wenn man den die Kosten real bestimmen wollte, müsste man schon die Kosten jeder einzelnen Veranstaltung auf die anwesenden Studierenden aufteilen. Dies vorausgesetzt kommt man recht leicht zu der Erkenntnis, dass gerade "faule Langzeitstudierende" (das zu (2)) im Prinzip nicht mehr kosten, als jedeR andere Studierende.
Weiter - egal ob Langzeit oder nicht - sind Studierende billige und zum Teil schon recht hoch qualifizierte Arbeitskräfte. Einmal im Bereich der Forschung an den Hochschulen, aber auch in externen Firmen, zum anderen in allen möglichen Bereichen. Zum Teil erbringt man also bereits als StudierendeR einen Teil der "Unkosten" für das eigene Studium - dadurch, dass man Forschung durch Mitarbeit überhaupt erst ermöglicht.
Was die Gesamtgesellschaft von den Forschungsergebnissen und der Tätigkeit der Ausgebildeten hat, lässt sich nur schwer in Geld messen. Es dürfte die Unkosten aber wohl aufwiegen - und wie in der Mail selbst schon erwähnt: Über die Steuern zahlen die meisten Hochschulabsolventen mehr als genug zurück.
Langzeitstudierende sind Faulenzer (3)
Das ist mal wieder ein tolle Verallgemeinerung. In Baden-Württemberg gibt es die von der Mail-Schreiberin so befürworteten Gebühren bereits. Wir haben genug mitbekommen, in welcher Lage viele der Betroffenen stecken. Sie hatten oft sehr verständliche Gründe, warum sich ihr Studium verlängert hat (finanzielle Probleme, politisches Engagement, persönliche Krisen, Betreuung von Angehörigen, problematische Studienbedingungen und Kombinationen von all dem). Diese Leute werden also mit den Gebühren zusätzlich belastet.
Die "Faulenzer" können sich exmatrikulieren - und wenn sie wirklich so faul sind, werden sie nichts machen, was Steuereinnahmen bringt. Ob sie formell den Studierendenstatus haben oder nicht, ist so gesehen kaum relevant. Eher sind sie als Nicht-Studierende kostenträchtig: Dann können sie nämlich Sozialhilfe beantragen (und das wir uns nicht falsch verstehen: Sozialhilfe hat ihre Berechtigung, schliesslich sollte jedeR ein Auskommen haben und nicht zu jeder Art von Arbeit gezwungen sein - denn das wäre eine Konsequenz, wenn es keine Sozialhilfe mehr gebe).
Sehr gewagt ist in diesem Zusammenhang auch die Behauptung der baden-württembergischen Landesregierung, die Gebühren würden durch die Entfernung dieser Leute zur Effizienzsteigerung der Hochschulen beitragen. Die "Faulen" sind doch sowieso kaum da...
Was bringen also Langzeitstudiengebühren? Abkassiert werden die, die schon Probleme genug haben.
Für Faule auch noch BaföG! (4)
Zunächst mal muss man als BaföG-EmpfängerIn spätestens nach dem 4. Semester nachweisen, dass man das Vordiplom hat (Verlängerungen sind nur begrenzt möglich). Schliesslich bekommt man BAföG genau für die Regelstudienzeit eines einzigen Studienganges (nur in extrem wenigen Ausnahmen gibt's länger). Dann kann man noch ein verzinstes Kredit für ein weiteres Jahr bekommen und dann ist aus. Wer voll darauf angewiesen ist, weil's von den Eltern eben nichts gibt und dann noch irgendwelche Probleme hatte, die das Studium verzögerten, steht plötzlich ohne alles da. Dann muss eben mehr gejobbt werden - auf Kosten des Studiums, der Abschluss verzögert sich.
Manche Leute bekommen von Anfang an kein BaföG - ihre Eltern verdienen eigentlich genug, geben allerdings nichts. Und die eigenen Eltern verklagen ist nichts, was jedeR so einfach macht. Solche Leute jobben also das ganze Studium lang.
Die Bemerkung (4) ist daher ziemlich fehl am Platz.
Soweit zur zitierten Mail. Im Zusammenhang mit Studiengebühren fallen oft auch noch die folgenden Behauptungen. Auch diese wollen wir bei dieser Gelegenheit näher betrachten.
Studiengebühren sind sozial gerecht
Inzwischen wird oft postuliert, dass soziale Gerechtigkeit gerade durch die Einführung von Studiengebühren erreicht würde. Dazu wird z.B. die Beobachtung, in den USA sei der Anteil von Studierenden aus niedrigen Einkommensschichten eher höher als bei uns, zum Argument für Studiengebühren verkehrt. Dabei ist sonnenklar, dass bei Einführung von Studiengebühren ohne geeignetes Stipendiensystem (und letzteres ist nicht absehbar) eher noch weniger Menschen aus niedrigen Einkommensschichten ein Studium beginnen werden. Nun könnte man postulieren, dann müsse eben nur ein Stipendiensystem her. Die Erfahrung zeigt aber, dass dieses langfristig immer gern für Einsparungen angegriffen wird - alle anderen Erwartungen sind, so muss man es hart sagen, naiv. Selbst wenn genug Stipendien auf Dauer vorhanden wären: Wer wohlhabende Eltern hat, startet ohne Schulden ins Berufsleben, die anderen dürfen erst mal abzahlen ...
Studiengebühren steigern die Effizienz der Hochschulen
Gelegentlich wird auch argumentiert, dass die Hochschulen die Studierenden besser betreuen würden, wenn sie als Kunde das Gut "Bildung" nachfragen würden. Das aber Bildung prinzipiell nicht in Geld aufzuwiegen ist und dann noch mehr nur das geforscht würde, was sich finanziell lohnt - nicht aber das, was gesellschaftlich notwendig ist, wird dabei gerne verschwiegen. Eine Hochschule als kritische Institution, die auch mal gesellschaftliche Entwicklungen in Frage stellt, wird so kaum möglich sein.
Die noch vorhandene - wenn auch kaum ausreichende - demokratische Mitsprache aller Gruppen an der Hochschule (Profs, Studis, MitarbeiterInnen) würde bei einem Verkaufsverhältnis wohl auch fallen. Kunden können zwar den Kauf verweigern - mitreden dürfen sie aber nicht. Und soll Bildung wirklich feilgeboten werden wie Güter, bei denen oft eher die Werbung den Erfolg ausmacht, als das eigentliche Angebot?
Bildung hat auch die Aufgabe, kritische Menschen heranzubilden und nicht einfach nur Leute, die arbeiten, was der Markt anbietet.
Schliesslich: Bildung ist ein Grundrecht, das allen offenstehen muss! Daher sollten neben den Hochschulen auch alle andere Bildungswege kostenfrei sein (Meister, bestimmte Ausbildungen). Nicht das vorhandene eigene (bzw. von den Eltern) Geld für die Studienfinanzierung sollte ausmachen, für welche Ausbildung man sich interessiert, sondern das Interesse. Nicht die zu beliebten Ausbildungen sollten im Zugang beschränkt werden, sondern die zu wenig beliebten attraktiver gemacht werden.









